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Stellungnahme der LAG Mädchen* und junge Frauen* zur aktuellen Situation

17. 04. 2020

Der Corona Virus hat eine Zeit des Nicht-Wissens eingeläutet. Niemand weiß wie diese Pandemie verlaufen wird und mit welchen Folgen wir es am Ende zu tun haben werden. Stattdessen sind wir zur Gegenwärtigkeit gezwungen und mit den Brüchen und Schwachstellen (Privatisierung der Krankenhäuser, unzureichendes und unterbezahltes Sozial- und Pflegepersonal etc.) unserer Gesellschaft konfrontiert.


Trotz dieser Verunsicherung ist es wichtig im Kontakt miteinander zu bleiben und darüber nachzudenken, was jetzt zentral ist und was wir aus der Situation für unser zukünftiges Zusammenleben lernen wollen.


Als Landesarbeitsgemeinschaft Mädchen* und junge Frauen* in Sachsen e.V. möchten wir Stellung zu der derzeitigen Lage beziehen.  


Auch in Sachsen gibt es aktuell Beschränkungen des öffentlichen und sozialen Lebens. Physischer Abstand und Hygienemaßnahmen sind wichtig und richtig, wenn wir Risikogruppen schützen und eine Überlastung des Gesundheitssystems verhindern wollen. Soviel ist klar. Doch wir sollten uns auch vergegenwärtigen, dass nicht alle Menschen Abstand halten können, z.B. Wohnungslose, Geflüchtete in Sammelunterkünften innerhalb Deutschlands oder auch im Geflüchteten-Lager Moria auf Lesbos in Griechenland. Auch kann soziale Distanz für viele Menschen mit anderen Gefahren einhergehen z.B. bei psychischen Problemen wie einer Depression.


Daher fordern wir aus rassismuskritischer und geschlechtsspezifischer Sicht:
 

1) Empowermenträume für Mädchen* und junge Frauen* of Color & empowermentorientierte Reflexionsräume für Fachkräfte of Color der Sozialen Arbeit


Als Verein, der für Mädchen* und junge Frauen* arbeitet, ist es uns ein großes Anliegen weiblich* positionierte Menschen, die von verschiedenen Diskriminierungsformen betroffen sind, zu unterstützen - sowohl die Einrichtungsbesucherinnen* als auch die Pädagoginnen*.  
So fallen jetzt jedoch genau diese Empowermentstrukturen weg:  

  • kaum Zugang zu Beratungsstellen oder Jugendeinrichtungen, allein mit Ängsten und Herausforderungen
  • kaum Zugang zu Empowermenträumen und fehlender Austausch zu Gleichaltrigen und Freund*innen
  • beschränkter Zugang zu Austausch und Informationen bezüglich der aktuellen Situation
  • Benachteiligung im Bildungsbereich durch beschränkten Zugang zu Wissen und Ressourcen, gerade wenn Mädchen* und junge Frauen* die technischen Voraussetzungen und die Unterstützung durch Eltern beim Homeschooling fehlen

 

Diese Herausforderungen gilt es auch während der Beschränkungen durch die Pandemie zu überwinden. Auch bzw. gerade in Zeiten von Corona wird soziale Ungleichheit und die Benachteiligung von bestimmten Menschen reproduziert und verstärkt. Marginalisierte Personengruppen wie Selbstständige, Künstler*innen, Sexarbeiter*innen und Migrant*innen ohne Aufenthaltsstatus und die jeweiligen Haushalte und Familien sind hier besonders betroffen.


Wir fordern eine angemessene finanzielle Ausstattung aller Haushalte und Familien, um die Voraussetzungen zu schaffen, damit alle am sozialen Leben und Lernen teilhaben können!
 

2) Erhalt und Ausbau der Förderung für Beratungsangebote und Schutzeinrichtungen für Betroffene von (häuslicher) Gewalt


2018 wurden laut BKA-Statistik in Deutschland insgesamt 140.755 Personen Opfer versuchter und vollendeter häuslicher Gewalt, 81,3% davon sind Frauen*. Mehrmals pro Stunde wird eine Frau* durch ihren Partner* gefährlich körperlich verletzt. Jeden 3. Tag wird eine Frau* von ihrem (Ex-)Partner* getötet, 2018 waren es 122 Frauen*. (siehe Pressemitteiung bfmsfj)

 

Nicht für alle Menschen ist das Zuhause ein sicherer Ort. Die entsprechenden Anlaufstellen waren bereits vor Corona überlastet. Wir fordern den Erhalt und den Ausbau von Unterstützungsangeboten und Schutzräumen und freuen uns, dass die Bundesfrauenministerin* Dr. Giffey am 8. April bereits folgendes äußerte:
"Die Frauenhäuser und Fachberatungsstellen sind die wichtigen Einrichtungen, um Frauen zu helfen, die häusliche Gewalt erfahren. Ihre Arbeit ist systemrelevant. In der Corona-Krise muss diese Arbeit gesichert werden. Die Beschäftigten müssen Zugang zur Notfallbetreuung für ihre Kinder haben, und sie müssen die notwendige Infektionsschutzausstattung bekommen.“ (siehe Meldung bfmsfj)

 

Sachsen ist aufgefordert zu handeln und die Bedingungen des Hilfesystems zu verbessern! Neben Frauen*schutz braucht es aber auch Angebote für Männer*, Mädchen*, Jungen*, nicht-binäre, trans*, inter* und queere Kinder und Jugendliche und Erwachsene!


3) Keine Kürzung der Projektfinanzierung für Soziale Arbeit, insbesondere Kinder- und Jugendhilfe,  Anti-Rassismus-Arbeit und rassismuskritischer Empowermentarbeit während und nach Corona-Shut Down


Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie sind notwendig und physische Distanzierung ist dabei aktuell ein wichtiger Faktor. Jedoch kann diese Distanz für viele Menschen auch andere Gefahren als häusliche Gewalt mit sich bringen. Da Menschen, die sich als queer verorten häufig von gesellschaftlicher Ausgrenzung betroffen sind, sind sie in einem höheren Maße auf eine Community oder unterstützende Angebote angewiesen. (Der LSVD hat verschiedene Informationen für queere Menschen zusammengestellt) Menschen mit Depressionen oder Angstsymptomatiken sind in dieser Zeit möglicherweise ebenfalls mit besonderen Herausforderungen konfrontiert. Diese Menschen gilt es auch jetzt weiterhin zu unterstützen, denn Soziale Arbeit ist systemrelevant. Gemeinsam müssen wir Wege finden mit der Pandemie und den damit zusammenhängenden Folgen umzugehen. (Siehe hierzu auch das Themenspezial zum Coronavirus des Jugendhilfeportals)

 

Mit dem Corona-Shutdown kommt es zu Ungewissheiten bezüglich der wirtschaftlichen Lage Deutschlands. Die Bundesregierung hat zur Absicherung sozialer Dienstleistungen ein Sozialpaket beschlossen. Hier heißt es:
„Die sozialen Dienstleister in Deutschland sollen sich aktiv in die Bewältigung der Auswirkungen der Corona-Epidemie einbringen. Doch auch sie sind infolge der aktuellen Lage akut von schwerwiegenden finanziellen Einbußen bis hin zur Insolvenz bedroht. Um sie zu erhalten, unterstützt sie die Bundesregierung mit Zuschüssen. Das betrifft unter anderem Einrichtungen für behinderte Menschen, Dienste für Kinder und Jugendliche, Frauen, Familien, Seniorinnen und Senioren.“ (siehe Info der Bundesregierung)

 

Mit der Befürchtung, dass die Folgen der Corona-Krise auch Rechtsradikalität und ihre gewaltvollen Ausschreitungen in Sachsen befördert, braucht es sowohl politisch unabhängige NGOs und langfristig finanzierte und sichergestellte Strukturen, um sowohl Rechtsterror entgegenzuwirken als auch Empowermenträume für Betroffene rechter UND rassistischer Gewalt zu sichern. Einen Monat NACH dem rechtsterroristischen Mordanschlag auf 10 Menschen of Color in Hanau und kurz vorher in Halle, ist die Schließung der professionellen Beratungsstelle für Betroffene rechter Gewalt "RespAct" in Niedersachsen ein Negativbeispiel für eine gesellschaftlicher Verantwortungslosigkeit. (Petition für den Erhalt von RespAct)

 

#RassismuskostetauchMenschenleben


Wir fordern weitere staatliche Finanzierung Sozialer Arbeit, insbesondere Kinder- und Jugendhilfe,  Anti-Rassismus-Arbeit und rassismuskritischer Empowermentarbeit!
 

4) Solidaritätsbewusstsein und ständiges Reflektieren von Privilegien von pädagogischen Fachkräften


Unsere Forderungen gehen nicht nur an die Politik antirassistische Strukturen zu schaffen, sondern auch als Anliegen an die Fachkräfte, sich durch ständige rassismuskritische Reflexionsprozesse solidarisch zu zeigen. Dazu gehört es auch, die eigenen Privilegien (Wohnraum, Kapital, Zugang zu Gesundheitssystemen, Räumen und Wissen) wahrzunehmen und die ungleichmäßige Machtverteilung (Wer hat diese Privilegien nicht?) zu hinterfragen. Die direkte Arbeit mit Mädchen* und jungen Frauen* of Color braucht Fachkräfte, die emphatisch und rassismuskritisch-reflektiert sind! Lasst uns damit Hand in Hand gehen.


Wir fordern Solidarität mit Menschen, die in der Corona-Krise verstärkt von Diskriminierung und Benachteiligung betroffen sind!
 

5) Schutzorte für alle, d.h. auch für BIPOC (Black, Indigenous und People of Color) bzw. Menschen mit Migrations-/Fluchtgeschichte bzw. Rassismuserfahrungen!


Covid-19 ist keine Grundlage zur Außerkraftsetzung der Menschenrechte.  


In dem Geflüchteten-Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos leben derzeit circa 22.000 Menschen, in Griechenlands Erstaufnahmelagern circa 42.000 Menschen auf engstem Raum – ohne sauberes Wasser und unter nicht hygienischen Bedingungen. Wie kann es sein, dass wir Menschen unter widrigsten Umständen sich selbst überlassen und die Grenzen schließen? Diese Situation ist jeder Zeit, aber vor allem im Kontext der Corona-Pandemie nicht tragbar!

 

Die humanitäre Katastrophe an der EU-Außengrenze muss beendet werden und zwar sofort!


Neun Bundesländer und 149 Kommunen haben Zusagen getroffen gemacht, Geflüchtete an der griechischen Grenze aufzunehmen. Deutschland kann aufnehmen - und zwar rechtmäßig nach dem „Selbsteintrittsrecht aus humanitären Gründen“ gemäß „Dublin III – Verordnung“.  


#WirHabenPlatz #leavenoonebehind #savethem


Wir fordern eine sofortige Evakuierung der Lager und die Aufnahme der dort festgehaltenen Menschen in Europa! Die Gesundheit aller und die Situation von vulnerablen Gruppen wie die Geflüchteter darf nicht aufgrund von Angst vor viraler Ansteckung gegeneinander ausgespielt werden! 


6) Rechtsradikalität und Rassismus in Deutschland Einhalt gebieten
 

Die rechtsradikalen und rassistischen Anschläge in den letzten Monaten zeigen auf, dass sich unser gesellschaftliches Klima weiterhin Richtung rechtsterroristischer Hetze und Gewalt bewegt. Der Umgang mit diesen Geschehnissen seitens der Politik und Medien ist unzureichend. Weder finden diese genügend Aufmerksamkeit in den Zeitungen noch gibt es politische Aufarbeitungen. Wie in Neuseelands Werbelandschaft sollte es in Deutschland einen Kodex der Berichterstattung geben, der rassistischem und rechtsradikalen Gedankengut KEINE Plattform der Verbreitung bietet, sondern im Gegenteil ganz klarstellt, dass rechtsterroristische UND rassistische Denkweisen, Haltungen und Strukturen nicht toleriert werden.  


Herausforderungen wie Rassismus sind Menschen mit Migrations-/Fluchtgeschichte bzw. Rassismuserfahrungen dauerhaft ausgesetzt. Noch viel mehr, rassistische Vorfälle gegenüber Menschen, die asiatisch gelesen werden, steigen in Corona-Zeiten, in denen ein Virus als Alleinstellungsmerkmal eines ganzen Kontinents gelesen wird.   


#IAmNotAVirus #JeNeSuisPasUnvirus


Es ist wichtig auch in Deutschland, vor allem in Sachsen, JETZT ein klares Zeichen gegen Rassismus zu setzen. Der rechtsterroristische und rassistische Anschlag in Hanau am 19.02.2020 liegt kaum mehr als einen Monat zurück. Auf diesen Anschlag folgten weitere: in Döbeln, Stuttgart und Heilbronn. Am 7. April wurde der 15-jährige Arkan Hussein Khalaf ermordet. Es handelt sich nicht um "Einzeltäter" oder "Verrückte".

 
#HanauwarkeinEinzelfall #Rassismustötet


Unsere gesellschaftliche Verantwortung besteht darin, Rassismus entschieden entgegenzuwirken, politisch, selbstkritisch, im Alltag, überall.


Wir fordern eine umfassende Aufklärung und Strafverfolgung rassistischer Gewalttaten wie NSU, Hanau, Halle etc. durch deutsche Behörden und der Öffentlichkeit sowie eine klare Positionierung gegen Rechtsradikalität und Rassismus!


7) Aufwertung der sogenannten systemrelevanten Berufe inklusive Care- und Sorgetätigkeiten


Corona zeigt einmal mehr, dass statistisch mehr Frauen* in den sogenannten systemrelevanten Berufen arbeiten. Sie sorgen und kümmern sich um die Gesellschaft und befinden sich dennoch häufig in prekären Arbeitssituationen - schlecht bezahlt. Sie arbeiten in Teilzeit, befristet, sind öfter von Altersarmut betroffen oder finanziell abhängig von anderen. Auch im privaten Bereich sind es zumeist Frauen*, die einen Großteil der anfallenden Haus- und Betreuungsarbeit leisten. Und das gänzlich unbezahlt und unsichtbar. (siehe auch taz Artikel: Corona ist weiblich)

 

#carerevolution

 

Wir fordern Veränderung! Nicht nur müssen vorherrschende Rollenbilder kritisch reflektiert werden, es braucht ein weitgehendes Umdenken in Politik und Gesellschaft!


8) Abbau geschlechtsspezifischer sowie rassistischer Diskriminierung auf allen Ebenen der Gesellschaft  


Dieses Umdenken muss geschlechtsspezifischer und rassistischer Diskriminierung auf allen gesellschaftlichen Ebenen begegnen. Dies beginnt bereits im Kleinkindalter, wo Mädchen* und Jungen* die Rollen erlernen, die sie später ausfüllen (sollen oder müssen).

 
"Uns ist es wichtig, dass alle Menschen selbstbestimmt ihre Lebensräume und -wege gestalten können. Menschen sollen in einer Realität leben, in der sie mit ihren Bedürfnissen und ihrer Individualität im Mittelpunkt stehen und gleichwertig anerkannt sind, unabhängig von Zugehörigkeiten oder sozialen Zuschreibungen wie Herkunft, Religion, Geschlecht(-sidentität), sexueller Orientierung, Alter, materieller Situation oder körperlicher und seelischer Verfassung." (Statement der LAG vom 02.05.2019)  


(Alltags-)Rassismus und seine koloniale Aufarbeitung, Genderreflektion und Awareness müssen Themen von Allgemeinbildung sein!


Wir fordern den Ausbau der Förderung von Maßnahmen und Projekten für mehr Geschlechtergerechtigkeit mit intersektionaler Perspektive sowie die entsprechende Überarbeitung von Curricula in Schule, Ausbildung und Studium!  
 
Zudem fordern wir Maßnahmen zur Verringerung des Gender-Pay-Gaps! Neben einer geschlechterreflektierenden Berufsorientierung und Pädagogik, muss die Politik dafür sorgen, dass auch alternative Familien- und Betreuungsmodelle abseits der heteronormativen Kleinfamilie lebbar werden! Familie und Beruf müssen besser vereinbar sein! Soziale Berufe müssen auch finanziell aufgewertet werden, um wie in diesen Zeiten einem Virus mit ausreichend und nicht überlastetem Personal entgegentreten zu können!
 
Außerdem bedarf es einer kritischen Reflexion in Medien und Öffentlichkeit was die Herstellung bestimmter stereotyper Bilder betrifft sowie mehr Präsenz von gesellschaftlich marginalisierten Personengruppen in Politik, Bildungsinstitutionen, Wissenschaft, Forschung, Wirtschaft und Verwaltung!
 
Lasst uns diese Pandemie nutzen, um an einer besseren Gesellschaft zu arbeiten!


Wir wollen eine Gesellschaft, …


…die dazu fähig ist, wahre Solidarität zu leben und mit Situationen wie dieser angemessen umzugehen anstatt gegeneinander um Ressourcen und Privilegien zu kämpfen.   
…die es schafft miteinander in Kontakt zu bleiben und nicht auf Abschottung und Aushöhlung der Demokratie setzen muss.

…die alle Personen mitdenkt und in politische Entscheidungsprozesse einbezieht.

 
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